Im GesprĂ€ch mit… Joschua Thuir

Berufliche Trans*parenz? Etikettenschwindel nach Vorschrift

Privat heterosexueller Mann, im Dienst homosexuelle Frau – verwirrt? Willkommen im Werdegang von Joschua, der sich selbst ĂŒber fĂŒnf Jahre seiner Polizeilaufbahn zu einem Doppelleben gezwungen sah. Eine Geschichte ĂŒber berufliche Transparenz, Mut und gesellschaftlichen wie gesetzlichen Nachholbedarf.

Joschua Thuir arbeitet als Polizeivollzugsbeamter bei der Bundespolizei am Flughafen Frankfurt, meist in der Ein- oder Ausreisekontrolle. Zu seinen Aufgaben gehört auch die Bestreifung im öffentlich zugĂ€nglichen Bereich der Terminals. In seiner Freizeit engagiert Joschua sich unter anderem bei der Deutschen Gesellschaft fĂŒr TransidentitĂ€t und IntersexualitĂ€t e.V. (dgti), beim Verband lesbischer und schwuler Polizeibediensteter Deutschland e.V. (VelsPol), sowie bei der Gewerkschaft der Polizei (GdP). Über diese Netzwerke unterstĂŒtzt er Opfer von Homo- und Transphobie, teilt Erfahrungswerte und schult rechtliche Sicherheit im Umgang mit trans*/inter* Personen.

Aus welchem Grund engagierst Du Dich so stark fĂŒr LGBT*IQ?

 

Joschua Thuir: Es gibt mehrere GrĂŒnde. Einer davon ist meine persönliche Geschichte. Als ich 19 Jahre alt war und mich noch in der Ausbildung befand, stellte ich fest, dass ich mich nicht lĂ€nger mit der mir bei der Geburt zugeordneten weiblichen Geschlechterrolle identifizieren konnte. Auf der Arbeit habe ich mich jedoch erst mit 25 Jahren als TransmannÂč geoutet, da ich befĂŒrchten musste, meinen Beruf zu verlieren, wenn ich meine wahre IdentitĂ€t bereits vor der Verbeamtung auf Lebzeiten preisgebe.

ÂčTransmann ist die selbstgewĂ€hlte Bezeichnung des Interviewpartners. PROUT AT WORK verwendet den Begriff trans* adjektivisch um der FĂŒlle nicht-binĂ€rer Personenkonzepte in Bezug auf geschlechtliche/sexuelle IdentitĂ€t Rechnung zu tragen.

TransidentitĂ€t als Hindernis fĂŒr die Verbeamtung?

 

Joschua Thuir: Indirekt ja. Bei der Polizei gibt es gesundheitliche Voraussetzungen, festgehalten in der Polizeidienstvorschrift 300 (PDV300). Diese werden vor der Einstellung, sowie zur Beendigung der Probezeit ĂŒberprĂŒft. Die PDV300 unterscheidet zwischen MĂ€nnern und Frauen. Bei meiner ursprĂŒnglichen Einstellung als Frau erfĂŒllte ich die weiblichen Kriterien, spĂ€ter jedoch nicht die mĂ€nnlichen. Zum Beispiel benötigen MĂ€nner mindestens einen funktionierenden Hoden – fĂŒr einen Transmann nach derzeitigem medizinischen Stand nicht möglich.

Ein Coming-Out in der Ausbildungs- sowie Probezeit kam fĂŒr mich demnach nicht in Frage. Die Ausschlusskriterien veranlassten mich ein Doppelleben zu fĂŒhren, um meinen Beruf weiter ausĂŒben zu dĂŒrfen: Über fĂŒnf Jahre lang lebte ich privat als heterosexueller Mann, ging aber als homosexuelle Frau zum Dienst.

“Die Angst, dass rauskommt, dass ich alle anlĂŒge war allgegenwĂ€rtig.”

Hatte dieses Versteckspiel Auswirkungen auf Deinen Job?

 

Joschua Thuir: Definitiv. Die Angst, dass rauskommt, dass ich alle anlĂŒge war allgegenwĂ€rtig. Die weibliche Legendierung verlangte dazu unglaublich viel Organisation, Konzentration und Schlagfertigkeit von mir. Ich musste z.B. auf weibliche Pronomen reagieren, obwohl ich mich nicht angesprochen fĂŒhlte. DarĂŒber hinaus gibt es bei der Polizei geschlechterbezogene Maßnahmen. Zwei ganz konkrete Beispiele: Durch entsprechende Formvorschriften, die ausschließlich gleichgeschlechtliche Durchsuchungen erlauben (insofern keine lebensbedrohliche Situation besteht) wurde ich regelmĂ€ĂŸig zu Durchsuchungen von Frauen herangezogen. Weiterhin fĂŒhrte ich hĂ€ufiger unverschleierte Lichtbildabgleiche von verschleierten Frauen bei der Passkontrolle durch. Dies fĂŒhrte gelegentlich zu MissverstĂ€ndnissen aufgrund meines doch eher mĂ€nnlichen Aussehens.

Wo liegen Deines Erachtens weitere BerĂŒhrungspunkte von geschlechtlicher IdentitĂ€t und sexueller Orientierung mit Deinem Beruf?

 

Joschua Thuir: Als Polizist arbeite ich mit dem Gesetz. Unser Grundgesetz kennt bisher jedoch nur zwei Geschlechter. Es heißt dort: „MĂ€nner und Frauen sind gleichberechtigt.“ Die Formulare der Polizei sind daher binĂ€rgeschlechtlich, eine Dritte Option zur Geschlechtsangabe ist bislang nicht vorhanden. Allerdings soll sich dies zum Ende des Jahres Ă€ndern und ein drittes Geschlecht im Gesetz implementiert werden.

Immer öfter sind Transidente und intergeschlechtliche Personen in Besitz eines ErgĂ€nzungsausweises. Dieser Ausweis kann in Kontrollsituationen ergĂ€nzend ausgehĂ€ndigt werden und klĂ€rt ĂŒber die Rechtslage und die IdentitĂ€t der Person auf. Quasi ein Hilfsmittel fĂŒr die Polizei. Allerdings ist dieser Ausweis noch recht unbekannt.

Im Bereich des Asylgesetzes gibt es auch Schnittstellen. Die Verfolgung homosexueller sowie transidenter Personen ist mittlerweile als Fluchtgrund anerkannt. Im Rahmen des Asylverfahrens mĂŒssen diese Personen zum einen die Verfolgung, zum anderen aber auch ihre Orientierung bzw. geschlechtliche IdentitĂ€t dem Bundesamt fĂŒr Migration- FlĂŒchtlinge als bearbeitende sowie entscheidende Stelle nachweisen. In meinem beruflichen Alltag kam es vor, dass Personen aus diesen GrĂŒnden ein Asylbegehren mir gegenĂŒber geĂ€ußert haben.

Welche beruflichen Erfahrungen hast Du denn nach Deinem lesbischen Coming-Out gemacht?

 

Joschua Thuir: Ich hatte ja mehrere Coming-outs. In der Ausbildung habe ich mich als vermeintlich lesbisch geoutet – mit einigen negativen Reaktionen der anderen AnwĂ€rter_innen. Es kam zu einigen verbalen Angriffen wie zum Beispiel „Mannsweib” oder zu nonverbalen Schikanen, wie das AmĂŒsieren ĂŒber mein Ă€ußerliches Erscheinungsbild in der Gruppendusche. Von meinen damaligen Vorgesetzten fĂŒhlte ich mich mit den tĂ€glichen Problemen ebenfalls alleingelassen. Als fĂŒr mich klar war, dass ich mich als Mann identifiziere, habe ich mich in der Ausbildung niemanden mehr anvertraut. Daran erinnere ich mich nicht gerne zurĂŒck. Leider hatte ich damals nicht den Mut und die Kraft, mich an die nĂ€chsthöhere Instanz zu wenden und mir fehlten Informationen z.B. zu VelsPol um auf anderem Wege um Hilfe zu bitten.

“Kollegen aus dem Fortbildungsbereich waren nach meinem Outing sehr daran interessiert meine Expertise zu nutzen.”

Und wie waren Deine Erfahrungen, als Du Dich als Transmann geoutet hast?

 

Joschua Thuir: Als ich mich dann nach den erwĂ€hnten fĂŒnf Jahren als Transmann bei der Bundespolizei outete, erfuhr ich deutlich positivere Reaktionen, aber auch hier kristallisierten sich einige Wenige mit fehlenden sozialen Kompetenzen heraus

Der nĂ€chste Schritt mĂŒsste von weiter oben kommen, bisher habe ich darauf leider vergeblich hingewiesen. So muss ich damit leben, dass es Kollegen gibt, die mich ignorieren, selbst wenn man gemeinsam Streife lĂ€uft und sich eigentlich blind aufeinander verlassen muss. Ich musste lernen damit umzugehen.

Kollegen aus dem Fortbildungsbereich waren nach meinem Outing sehr daran interessiert meine Expertise zu nutzen. Gemeinsam mit einem weiteren transidenten Kollegen sollte ich einen Vortrag fĂŒr die Luftsicherheitsschulung erstellen. Hierzu wurde ich sogar fĂŒr 2 Tage nach Berlin entsendet.

Wie sind Deine Vorgesetzten mit Deinem Outing umgegangen?

 

Joschua Thuir: Meine damaligen Vorgesetzten recht unterschiedlich, im großen Ganzen positiv bis unbeholfen. Ich habe eine Polizeitrainerin gebeten, mich gegenĂŒber meinen direkten Vorgesetzten zu outen und sie zu bitten das in der Hierarchie weiterzugeben. Dies, um allen die Möglichkeit zu gegeben, ins Transsexuellengesetz zu schauen und um sich vor einem GesprĂ€ch mit mir mit dem Thema vertraut zu machen. Leider gab es trotzdem Verwirrungen auf allen Seiten, die sich leider nicht immer in Klarheit oder gar Wohlgefallen auflösen konnten.

In solchen FĂ€llen kommt es, wie so oft, auf jede_n Einzelne_n an. Engagierte Vorgesetzte nehmen Diskriminierungen den Wind aus den Segeln. Andere wiederum sind weniger (pro)aktiv oder gar konfliktscheu.

“Zuletzt wĂŒnsche ich mir, dass man sich als LGBT*IQ Person weder in der Ausbildung, noch an der spĂ€teren Dienststelle alleingelassen fĂŒhlt und niemand mehr Angst vor einem Coming-Out in der Behörde haben muss.”

Was wĂŒnschst Du Dir zukĂŒnftig fĂŒr die Sichtbarkeit von LGBT*IQ an Deinem Arbeitsplatz?

 

Joschua Thuir: Ich wĂŒnsche mir, dass LGBT*IQ-Sachverhalte in der Aus- und Fortbildung implementiert werden, da Fehlverhalten meist aus Unwissenheit und Unsicherheit resultiert. Polizeibedienstete sollten auf Ausnahmeregelungen zumindest aufmerksam gemacht werden, um ihre Aufgaben auch den etwa 10 % der Bevölkerung gegenĂŒber, die nicht heterosexuell oder cisgeschlechtlichÂČ sind, selbstbewusst und rechtssicher erfĂŒllen zu können.

DarĂŒber hinaus wĂŒnsche ich mir, dass die Bundespolizei dem Leitbild entsprechend Stellung zu LGBT*IQ Mitarbeiter_innen bezieht, zu dem Themenbereich mehr AufklĂ€rung leistet und die PDV 300 durch das Bundesministerium des Innern derartig ĂŒberarbeiten lĂ€sst, damit Trans- und intergeschlechtliche Personen nicht ohne Weiteres als polizeidienstuntauglich eingestuft werden können. Zuletzt wĂŒnsche ich mir, dass man sich als LGBT*IQ Person weder in der Ausbildung, noch an der spĂ€teren Dienststelle alleingelassen fĂŒhlt und niemand mehr Angst vor einem Coming-Out in der Behörde haben muss. Hierzu mĂŒsste die Bundespolizei die Anzahl der beauftragten Ansprechpersonen erhöhen und den Adressatenkreis von LS auf LSBTIQ erweitern, so wie es bei einigen Landespolizeien bereits der Fall ist. Diese Beauftragung soll nicht nur ein Nebenamt ohne Verpflichtungen bedeuten, sondern auch aktiv fĂŒr Sensibilisierungs- bzw. Antidiskriminierungsarbeit innerhalb und außerhalb der Behörde genutzt werden. Erste Schritte in die richtige Richtung sind bereits erfolgt – ich wĂŒrde mich freuen diesen Weg gemeinsam mit der UnterstĂŒtzung der Behörde fortzusetzen.

ÂČDer Begriff bezeichnet Menschen, deren GeschlechtsidentitĂ€t mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht übereinstimmt.