Im GesprĂ€ch mit… Nils_SĂ©line “Nica” SchĂ€chtele

“Mut, Mut, und nochmal Mut. Intergeschlechtlichkeit ist nach wie vor ein großes Tabu-Thema.”

Nils_SĂ©line „Nica“ SchĂ€chtele, geboren in Freiburg im Breisgau, studierte am Karlsruher Institute of Technology Elektro- und Informationstechnik. Bereits vor und wĂ€hrend des Studiums beschĂ€ftigte sie_er sich mit professioneller Beschallungs- und Tontechnik. Ihr_sein Weg fĂŒhrte 2002 nach Straubing zur EVI Audio GmbH (seit 2006 Tochterfirma des Bosch GeschĂ€ftsbereichs Building Technologies), wo Nica als System-Testingenieur_in tĂ€tig ist.

Du bezeichnest dich selbst als divers. Welche Erfahrungen hast du damit bei Bosch gemacht?

Nils_SĂ©line „Nica“ SchĂ€chtele: Bei Bosch wird DIVERSITÄT seit einigen Jahren großgeschrieben. Mir hat die Bezeichnung „divers“ schon immer sehr gut gefallen, da ich sowohl intergeschlechtliche als auch transgeschlechtlich-androgyne Bigender Eigenschaften habe und „divers“ alles mit einschließt. Die GesetzesĂ€nderung in Deutschland zur dritten Option hat bei Bosch und bei mir parallel einiges angeschoben, und seit diesem Jahr gibt es viele gemeinsame diverse Schritte, regen Austausch, eine sich gegenseitig weiterbringende Win-Win Beziehung. Ich bezeichne mich manchmal scherzhaft als „Bosch-Quoten-Diverse“.   Das Feedback von Kolleg_innen am Standort war verhalten positiv, begleitet von sehr viel Respekt fĂŒr meine Offenheit. Es gab auch die eine oder andere Irritation, insbesondere aufgrund meiner zwei zusĂ€tzlichen Vornamen SĂ©line und Nica. Wenn ich das Thema von mir aus angesprochen habe, war die hĂ€ufigste Frage: „Darf ich dich weiterhin mit Nils ansprechen?“, was fĂŒr mich in Ordnung ist.

Was bedeutet es fĂŒr Dich inter* in unserer Gesellschaft zu sein?

 

Nils_SĂ©line „Nica“ SchĂ€chtele: Es bedeutet, zu einer weitgehend unsichtbaren und tabuisierten Minderheit zu gehören. Manchmal kommt es mir so vor, als ob wir Aliens aus einem Science-Fiction Film wĂ€ren: „Gibt‘s solche Menschen wirklich?“ „Ja, es gibt sie!!“.  Bei einer Person typisch weibliche und zugleich typisch mĂ€nnliche Eigenschaften wahrzunehmen, oder Details darĂŒber zu erfahren, bis hin zu einer vollstĂ€ndigen Uneindeutigkeit, sorgt bei vielen Menschen fĂŒr Unbehagen, das passt nicht ins anerzogene binĂ€re Weltbild. Und diese Schwelle zu ĂŒberwinden braucht viel Geduld und Ausdauer.

“GrĂ¶ĂŸte Herausforderung ist und bleibt die innere Überwindung, sich anderen gegenĂŒber offen zu Ă€ußern. “

Wann fand Dein Outing in deinem beruflichen Umfeld statt? Und welche Herausforderungen gab es dabei in deinem Unternehmen und mit Kolleg_innen?

 

Nils_SĂ©line „Nica“ SchĂ€chtele: Mein Outing bei Bosch begann wĂ€hrend eines Telefonat mit Olaf Schreiber – Sprecher des Bosch LGBT*IQ Netzwerks RBg – gefolgt von einem Telefonat mit Anja Hormann vom zentralen Bosch Diversity Team zum Thema „dritte Option“. Danach informierte ich Step-by-Step meine direkten BĂŒrokollegen, Fahrgemeinschaft, Vorgesetzte und die lokale Personalabteilung. Inspiriert durch ein wunderbares Video am IDAHOBIT, von Kolleg_innen fĂŒr Kolleg_innen, habe ich meinen Vornamen im firmeninternen Adressbuch auf Nils_SĂ©line abĂ€ndern lassen – mit Gender_Gap, um das Kontinuum zwischen Mann und Frau sichtbar zu machen. Ich schrieb hierzu meinen ersten Blog im internen Netzwerk – und war manchmal zu TrĂ€nen gerĂŒhrt ĂŒber das weltweite zustimmende Feedback. Am Diversity Day gab es an unserem Standort ein Diversity Business Lunch, wo ich mit dabei war und nichtbinĂ€re Gender Aspekte einbringen konnte. Generell war ich angenehm ĂŒberrascht, dass ich in allen Instanzen sehr wohlwollend und wertschĂ€tzend behandelt wurde. GrĂ¶ĂŸte Herausforderung ist und bleibt die innere Überwindung, sich anderen gegenĂŒber offen zu Ă€ußern. Und nicht zu vergessen die IT, die an vielen Stellen nur eine Pflichtauswahl zwischen mĂ€nnlich und weiblich zulĂ€sst.

Welche Hilfestellungen wĂŒrdest Du inter* Personen fĂŒr ihr Outing geben?

 

Nils_SĂ©line „Nica“ SchĂ€chtele: Langsam vorgehen, kleine Schritte machen, sich Zeit lassen. Ein inter* Outing braucht besonders viel Aufmerksamkeit und Überwindung, es kann auch schnell mal in eine unerwĂŒnschte Richtung abdriften. Am besten mit Personen beginnen, die einem nicht ganz so nahe stehen. Nach etwas Übung klappt das auch mit Familie und guten Freund_innen. Und wendet euch an LGBT*IQ Allies, das sind offene Menschen, die mit viel Interesse zuhören. GesprĂ€che mit Allies tun gut und krĂ€ftigen das Selbstbewusstsein.

“Dazu passend wĂŒnsche ich mir einen lockeren Umgang, so Ă€hnlich wie ĂŒbers Wetter oder ĂŒber „Was kochst du heute?“ zu reden.”

Was wĂŒnschst Du dir in Hinblick auf die Sichtbarkeit von inter* Personen im speziellen und der LGBT*IQ-Community im Allgemeinen in Deinem Unternehmen?

 

Nils_SĂ©line „Nica“ SchĂ€chtele: Mut, Mut, und nochmal Mut. Intergeschlechtlichkeit ist nach wie vor ein großes Tabu-Thema. Es fehlt vielerorts ein klares gesellschaftliches Statement gegen vorschnell begonnene hormonelle Behandlungen oder chirurgische Eingriffe, die medizinisch nicht notwendig sind. Die Wenigen, die sich offen zeigen, werden ĂŒberschĂŒttet mit Zuschriften und Anfragen von allen Seiten, und es gibt ja auch noch andere wichtige Themen. Ich wĂŒnsche mir daher viele Personen, ganz besonders auch viele Allies, die weitergeben, dass sich menschliche Körper nicht nur zu Mann oder Frau entwickeln, sondern es darĂŒber hinaus eine große Vielfalt an geschlechtlicher Entwicklung gibt. Dazu passend wĂŒnsche ich mir einen lockeren Umgang, so Ă€hnlich wie ĂŒbers Wetter oder ĂŒber „Was kochst du heute?“ zu reden. Das hat letztens in der Stuttgarter S-Bahn schon mal super geklappt. FĂŒr unsere Bosch LGBT*IQ Community wĂŒnsche ich mir, dass kontinuierlich viele Personen dazukommen, der Anteil an Allies StĂŒck fĂŒr StĂŒck höher wird, und dass Gender-Diversity noch mehr PrĂ€senz bekommt. Das gilt fĂŒr Inter*, Trans* und Queer* Themen jeglicher Art.